Podiumsdiskussion „Impulse für die Görlitzer Innenstadt- Brauchen wir die neue Einkaufspassage B 40?“
Freitag, 17. Februar 2012

Stephan Kühn (mitte) moderierte die Veranstaltung

großes Interesse in Görlitz bei dem Thema Einkaufszentrum "B40" (Fotos: Sarah Rudo)
von Stephan Kühn
Zentrale Forderungen: Vorhandene städtebauliche Strukturen erhalten und Öffentlichkeitsbeteiligung sicherstellen
Am vorgestrigen Mittwoch (15. Februar) diskutierten im Schlesischen Museum über 70 Bürgerinnen und Bürger auf Einladung des Stadtverbandes Görlitz von Bündnis 90/Die Grünen über die Frage, ob die geplante Einkaufspassage B40 an der oberen Berliner Straße ein Impuls für die Belebung der Innenstadt sein kann. Podiumsgäste waren Prof. Dr. Jürg Sulzer (Leiter des Kompetenzzentrums Revitalisierender Städtebau in Görlitz), Michael Bräuer (Leiter der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung), Hagen Aye (Architekt, Mitglied im Görlitzer Gründerzeit Verein), Wolfgang Kück (Architekt und Stadtrat) und Gottfried Semmling (Dipl. Bauingenieur und Grünen-Stadtrat). Moderiert wurde die Veranstaltung vom sächsischen Grünen-Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn (Mitglied im Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung).
Gelobt wurde von den Teilnehmern der Veranstaltung die Entscheidung des Stadtrates, beim Aufstellungsbeschluss zum vorhabenbezogenen Bebauungsplan zur Einkaufspassage B40 ausdrücklich die weitgehende Einbeziehung der vorhandenen Bausubstanz, insbesondere der Baudenkmale, als Planungsziel festzuschreiben. Die eingeladenen Experten betonten, dass die vorhandenen städtebaulichen Strukturen erhalten bleiben müssten und nicht im Widerspruch zur geplanten Nutzung stehen. Görlitz sei eine Vorzeigestadt des städtebaulichen Denkmalschutzes, ihre Innenstadt ein einzigartiges Kapital. Es dürfe keine monofunktionalen Bebauung erfolgen, die später keine Nachnutzungsoptionen bietet. Notwendig sei jetzt eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung. Der Bebauungsplan müsse bewusst und selbstbewusst begleitet werden. Aus dem Verfahren muss der Zeitdruck genommen werden. Ein reiner Fassadenwettbewerb, wie vom Investor zugesagt, reiche nicht aus. Notwendig sei ein Architektenwettbewerb, dieser sei Voraussetzung, um überhaupt eine hohe städtebauliche Qualität erreichen zu können. In diesem Zusammenhang wurde auch die Einrichtung eines Gestaltungs- bzw. Planungsbeirats für Görlitz gefordert, der Verwaltung und Stadtrat bei städtebaulichen Entscheidungen berät. "Gehen Sie nach vorn, suchen Sie Wege - es gibt immer wieder neue!" gab Prof. Dr. Sulzer den Görlitzern mit auf den Weg.
Die in Auszügen bekannt gewordene CIMA-Studie für das Einzelhandels- und Zentrenkonzept, die Bedarf für mehr Angebotsvielfalt und Kleinteiligkeit im Warenangebot in der Innenstadt sieht, wurde zum Anlass genommen, den zu erwartenden Branchenmix in der geplanten Passage zu kritisieren. Bei bisher vom Investor realisierten Projekten, zum Beispiel die Löbtau-Passage in Dresden, sucht man hochwertigere Angebote vergebens. Die dortigen „Ankermieter“ (Kauflauf, Rewe) entfalten keine Magnetwirkung für die Einkaufsstraße. Teilnehmer erinnerten an die schlechten Erfahrungen beim CityCenter, wo Verpflichtungen seitens des Investors nicht erfüllt wurden. Negative Auswirkungen auf die Entwicklungschancen des Jugendstil-Kaufhauses wurden thematisiert. Mehrere Redner wiesen auf die beabsichtigte Bewerbung um das UNESCO-Welterbe hin, die mit den bisherigen Plänen für die Einkaufspassage gefährdet würde. Vorgeschlagen wurde, sich die Wirkung von vergleichbaren Shopping-Malls in anderen deutschen Städten anzuschauen. Dazu sollte eine Delegation von Vertretern des Stadtrats und der Verwaltung sowie interessieren Bürgern und Vereinen sich vor Ort ein Bild machen und die gewonnenen Erkenntnisse in den weiteren Planungsprozess einfließen lassen.





