Wem gehört der 9. November ? Antifa und Rechtsextreme vereinnahmen Gedenktag in Zittau

Wem gehört der 9. November ?

 

Eine etwas merkwürdige Frage ? So hätte ich darauf bis vergangenen Freitag, dem 9. November 2012 in Zittau auch reagiert. Was ich an diesem Abend anlässlich des „Tages der Besinnung zur Demokratie und Friedfertigkeit“ vor der Gedenktafel der ehem. Zittauer Synagoge erlebte, drängt mir diese Frage auf.

 

Seit 1993 begeht der Zittauer Stadtrat und mit ihr die Bürgerschaft am 9. November den Tag der Besinnung. 19 Jahre lang war die Kranzniederlegung an der ehem. Synagoge in der Lessingstraße und die damit verbunden Gedenkrede von Vertretern des Stadtrates ein würdiger und bewegender Moment des Erinnerns. Erinnern an die jüdischen Mitbürger, die erst aus Zittau und Umgebung vertrieben und später in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht wurden, erinnern aber auch an die Befreiungsbewegung von 1989, die die sozialistischen Diktaturen und mit ihr die Mauern in Europa zum Einsturz brachten. Auch als Nicht-Zittauer ist für mich dieser Tag wichtig, weil er mir ganz persönlich die Gelegenheit gibt, gemeinsam mit anderen Inne zu halten, nachzudenken und auch zu zeigen, dass unser Heute in Verantwortung zu unserer Geschichte steht. Es gibt wenige Momente und Orte, wo dies so wie am 9. November in Zittau heute möglich ist. Zittau war damit seiner Zeit weit voraus: erst 2009 schaffte der Sächsische Landtag die gesetzliche Grundlagen für die Einführung kommunaler Gedenktage. Da lag in Zittau bereits 17 Jahre wertvolle Praxis hinter uns.

 

Das alles aber änderte sich am vergangenen Freitag. Der Ältestenrat hatte die Fraktion Die Linke in diesem Jahr mit der Gedenkrede betraut, die ihrerseits Stadtrat Jens Thöricht damit beauftragten. In der Folge erschien ein Aufruf, der das Treffen an der Gedenktafel der ehemaligen Synagoge als Teil eines Antifaschistischen Gedenkens vereinnahmte. Damit wurde nicht nur der parteiübergreifende Konsens des gemeinsamen Gedenkens aufgekündigt (bisher haben noch keine Partei bzw. ihr nahestehenden Vereinigungen versucht, diesen Tag für ihre Sichtweise zu vereinnahmen) sondern auch inhaltlich das Anliegen des Stadtrates verkürzt und zumindest mit dem Terminus Antifaschismus uminterpretiert. Antifaschismus ist nicht nur ein geschichtsvergessender Begriff aus DDR-Zeiten, der die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der SED-Diktatur ideologisch aufwertet und von der eigenen Verantwortungen ablenkt. Er ist auch historisch falsch, weil er den Nationalsozialismus mit den faschistischen Diktaturen in Italien und Spanien gleichsetzt und damit verharmlost.

In dieser Situation hat es leider der Stadtrat versäumt, klare Position zu beziehen und sich diese Vereinnahmung zu verbeten. Die Reaktion, die nun folgte, wunderte mich nicht:

 

Ca. 15 rechtsextreme, unter ihnen die NPD-Stadträtin Hiekisch, stellten sich symbolisch zwischen die Bürgerschaft und die Gedenktafel und plakatierten, dass Kommunisten keine Demokraten sind. Ich fühlte mich ohnmächtig und gleichzeitig angewidert durch die Situation, die nichts mehr mit dem Erinnern und Gedenken zu tun hatte, sondern Zeugnis von der unerbittlichen Auseinandersetzung politisch extermer Gruppierungen, der NPD und ihrer Anhänger auf der einen und der Antifa auf der anderen Seite ablegte. Jens Thöricht ist es zwar in dieser Situation gelungen mit seinen Worten die Situation nicht weiter zu eskalieren. Dennoch muss er sich vorwerfen lassen, dass mit ihm die Vereinnahmung des Tages der Besinnung in Zittau begann. Nach ca. 5 Minuten zogen die Nazis ab.

 

Auch wenn ich kein Zittauer bin, habe eine Bitte an den Stadtrat: der Tag der Besinnung ist so wichtig für die Region, dass man nach 20 Jahren die negativen Seiten von Routine und gewohntem Ablauf im Blick haben muss. Ich würde es begrüßen, wenn die im Stadtrat vertretenen Parteien sich verständigen könnten, als Redner nicht mehr nur Stadträte sondern auch Personen des Öffentlichen Lebens einzuladen. Das würde die Besinnung auch geistig bereichern.

 

Wem gehört nun der 9. November ? Er gehört zuallererst denjenigen, an die wir uns an diesem Tag erinnern. Den durch die Nationalsozialisten Vertriebenen und ermordeten Mitbürgern wie auch der großen Zäsur von 1989.

Politische Vereinnahmung, ob von rechts oder links, macht daraus einen plakativen Akt.

Gemeinsames Gedenken aber braucht eine Atmosphäre für einen individuellen Zugang zu dem Erinnerten.

 

Thomas Pilz

von Thomas Pilz

Eine etwas merkwürdige Frage ? So hätte ich darauf bis vergangenen Freitag, dem 9. November 2012 in Zittau auch reagiert. Was ich an diesem Abend anlässlich des „Tages der Besinnung zur Demokratie und Friedfertigkeit“ vor der Gedenktafel der ehem. Zittauer Synagoge erlebte, drängt mir diese Frage auf.

Seit 1993 begeht der Zittauer Stadtrat und mit ihr die Bürgerschaft am 9. November den Tag der Besinnung. 19 Jahre lang war die Kranzniederlegung an der ehem. Synagoge in der Lessingstraße und die damit verbunden Gedenkrede von Vertretern des Stadtrates ein würdiger und bewegender Moment des Erinnerns. Erinnern an die jüdischen Mitbürger, die erst aus Zittau und Umgebung vertrieben und später in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht wurden, erinnern aber auch an die Befreiungsbewegung von 1989, die die sozialistischen Diktaturen und mit ihr die Mauern in Europa zum Einsturz brachten. Auch als Nicht-Zittauer ist für mich dieser Tag wichtig, weil er mir ganz persönlich die Gelegenheit gibt, gemeinsam mit anderen inne zu halten,  nachzudenken und auch zu zeigen, dass unser Heute in Verantwortung zu unserer Geschichte steht. Es gibt wenige Momente und Orte, wo dies so wie am 9. November in Zittau heute möglich ist. Zittau war damit seiner Zeit weit voraus: erst 2009 schaffte der Sächsische Landtag die gesetzliche Grundlagen für die Einführung kommunaler Gedenktage. Da lag in Zittau bereits 17 Jahre wertvolle Praxis hinter uns. 

Das alles aber änderte sich am vergangenen Freitag. Der Ältestenrat hatte die Fraktion Die Linke in diesem Jahr mit der Gedenkrede betraut, die ihrerseits Stadtrat Jens Thöricht damit beauftragten. In der Folge erschien ein Aufruf, der das Treffen an der Gedenktafel der ehemaligen Synagoge als Teil eines Antifaschistischen Gedenkens vereinnahmte. Damit wurde nicht nur der parteiübergreifende Konsens des gemeinsamen Gedenkens aufgekündigt (bisher haben noch keine Partei bzw. ihr nahestehende Vereinigungen versucht, diesen Tag für ihre Sichtweise zu vereinnahmen) sondern auch inhaltlich das Anliegen des Stadtrates verkürzt und zumindest mit dem Terminus Antifaschismus uminterpretiert. Antifaschismus ist nicht nur ein geschichtsvergessender Begriff aus DDR-Zeiten, der die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der SED-Diktatur ideologisch aufwertet und von der eigenen Verantwortung ablenkt. Er ist auch historisch falsch, weil er den Nationalsozialismus mit den faschistischen Diktaturen in Italien und Spanien gleichsetzt und damit verharmlost.  

In dieser Situation hat es leider der Stadtrat versäumt, klare Position zu beziehen und sich diese Vereinnahmung zu verbeten. Die Reaktion, die nun folgte, wunderte mich nicht:

Ca. 15 rechtsextreme, unter ihnen die NPD-Stadträtin Hiekisch, stellten sich symbolisch zwischen die Bürgerschaft und die Gedenktafel und plakatierten, dass Kommunisten keine Demokraten sind.  Ich fühlte mich ohnmächtig und gleichzeitig angewidert durch die Situation, die nichts mehr mit dem Erinnern und Gedenken zu tun hatte, sondern Zeugnis von der unerbittlichen Auseinandersetzung politisch extremer Gruppierungen, der NPD und ihrer Anhänger auf der einen und der Antifa auf der anderen Seite ablegte. Jens Thöricht ist es zwar in dieser Situation gelungen mit seinen Worten die Situation nicht weiter zu eskalieren. Dennoch muss er sich vorwerfen lassen, dass mit ihm die Vereinnahmung des Tages der Besinnung in Zittau begann. Nach ca. 5 Minuten zogen die Nazis ab.

Auch wenn ich kein Zittauer bin, habe ich eine Bitte an den Stadtrat: der Tag der Besinnung ist so wichtig für die Region, dass man nach 20 Jahren die  negativen Seiten von Routine und gewohntem Ablauf im Blick haben muss. Ich würde es begrüßen, wenn die im Stadtrat vertretenen Parteien sich verständigen könnten, als Redner nicht mehr nur Stadträte sondern auch Personen des Öffentlichen Lebens einzuladen. Das würde die Besinnung auch geistig bereichern.

 

Wem gehört nun der 9. November ? Er gehört zuallererst denjenigen, an die wir uns an diesem Tag erinnern. Den durch die Nationalsozialisten Vertriebenen und ermordeten Mitbürgern wie auch der großen Zäsur von 1989.

 

Politische Vereinnahmung, ob von rechts oder links, macht daraus einen plakativen Akt.

Gemeinsames Gedenken  aber braucht eine Atmosphäre für einen individuellen Zugang zu dem Erinnerten.